Da ich mich ja ab und zu schriftstellerisch betätige, dachte ich, nen bisschen von meinem geistigen Müll darf natürlich nicht fehlen...

Der Bus fuhr ab. Mit einem Röhren spuckte der Auspuff eine dunkelgraue Rußwolke aus, bevor der Bus die Straße weiter hinunter fuhr und verschwand.

Nur eine Person war ausgestiegen. Anna stand verloren neben ihrem Koffer. Der Himmel war grau und wolkenverhangen, ein kühler Wind wehte. Regentropfen fielen von den ansonsten kahlen Bäumen und in ein paar Metern Entfernung saß ein Rabe auf einem Zaunpfahl, der Anna aufmerksam beobachtete. Ein paar Autos fuhren an ihr vorbei, ohne dass die Fahrer von ihr Notiz nahmen. Fröstelnd zog sie die Schultern zusammen und sah die Straße hinunter, in der Hoffnung, dass der alte Geländewagen ihres Vaters bald auftauchen würde. Anna war ein Scheidungskind und wurde in den Ferien regelmäßig zu ihrem Vater geschickt, den sie sonst fast nie zu Gesicht bekam. Wie immer hatte sie das Gefühl gehabt, dass ihre Mutter froh war, sie los zu sein, und wie immer war ihr Vater zu spät, um sie abzuholen. Mit einem Seufzer ließ sie sich auf ihrem Koffer nieder. Die plötzliche Bewegung erschreckte den Raben, der mit einem Krächzen aufflog und davon segelte. Anna sah ihm nach, zog dann ihren Mp3-Player aus der Tasche, schaltete ihn ein und wartete.

Als ihr Vater zehn Minuten später erschien, fiel die Begrüßung sehr kühl aus. Auf der Ladefläche des Jeeps standen drei große Terracottatöpfe, die von einem Gurt an Ort und Stelle gehalten wurden. „Entschuldige, dass ich zu spät bin. Ich musste noch etwas besorgen.“ Annas Vater deutete mit einem Kopfnicken auf die Ladefläche. „Klar, Blumentöpfe sind wichtiger als deine eigene Tochter“, dachte Anna bitter. Sie musterte ihren Vater abschätzend. Die grünen Gummistiefel und die blaue Latzhose waren matschverschmiert. Auf dem rot-weiß karierten Flanellhemd prangte ein Ketchupfleck und auf seiner Halbglatze glänzten einige Schweißperlen, als er ihren Koffer zu den Blumentöpfen auf die Ladefläche wuchtete. „Was hast du da drin? Steine?“, fragte er in einem kläglichen Versuch locker und lustig zu wirken, während Anna sich fragte, was ihre Mutter je an ihrem Vater gefunden hatte. Ihre Mutter war als Pressesprecherin eines großen Konzerns immer akkurat in ein Kostüm oder Hosenanzug gekleidet, die silberblonden Haare meist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Äußerlich hatten sie und ihre Tochter nur wenig gemein. Anna hatte krauses, dunkles Haar, das sie hasste, blaue Augen und eine eher rundliche Figur, während ihre schlanke und grazile Mutter trotz ihres Alters noch immer auf Mitte 20 geschätzt wurde. Zumindest wurde sie das von den Anzug tragenden Schnöseln, die sie ab und zu mit nach Hause brachte. Anna verachtete sie. Jeder dieser Kerle spielte sich in ihrer Gegenwart wie ein zukünftiger neuer Vater auf, obwohl sie sie meistens nur ein paar Mal zu Gesicht bekam, bis ihre Mutter ihr eröffnete, dass sie, mal wieder, Schluss gemacht hatte. Unvermittelt fragte sie sich, ob ihr Vater eigentlich eine Neue gefunden hatte. Wohl eher nicht, so, wie er aussah. Dennoch erinnerte sie sich, dass er mal anders gewesen war. Ihre Eltern waren glücklich miteinander gewesen. Solange, bis Lara gestorben.

Wortlos stieg sie ein und drehte sich sofort zum Fenster. Eigentlich ein deutliches Signal an ihren Vater, sie in Ruhe zu lassen. Doch wie immer war er mit sich selbst beschäftigt. „Ich hoffe, das Gewächshaus steht noch, wenn ich zurückkomme.“ Mit einem schiefen Grinsen sah er zu ihr hinüber, sie sah es in der Spiegelung der Scheibe. „Ich glaube nicht, dass Thomas intelligent genug wäre, um das ganze Gewächshaus in Staub und Asche zu legen“, sagte sie kalt. Der bloße Gedanke an den Azubi ihres Vaters ließ sie wütend werden. Die Erinnerung an die Nacht, in der er sie auf dem Schützenfest bedrängt hatte, war noch genau so deutlich wie zwei Tage danach. Noch jetzt konnte sie seinen Atem riechen, der nach Bier und den fettigen Bratwürsten gerochen hatte, die an dem Stand einige Meter weiter verkauft worden waren. Für einen Moment herrschte Stille. „Wie läuft es in der Schule?“ Die beiläufige Frage konnte seine aufkommende Ungeduld nicht verbergen. „Gut.“ Die Lüge kam ihr bei ihm genauso flüssig über die Lippen wie bei ihrer Mutter. Sie wusste noch immer nicht, dass Anna versetzungsgefährdet war. Als Anna keine Anstalten machte, sich weiter zu äußern, schien auch ihr Vater aufzugeben. Der Rest der Fahrt verlief schweigend.  

Als sie auf den Hof fuhren, war Thomas der Erste, der Anna ins Auge fiel. Der Hass stieg in ihr hoch wie ein giftiger Klumpen, der ihr den Atem nahm. Neben Thomas stand allerdings noch eine zweite Gestalt, ein Junge, der ungefähr in Annas Alter zu sein schien. Seine ganze Haltung strahlte einen gewissen Trotz aus, den sie nur zu gut kannte. In aller Ruhe zog er noch einmal an seiner Zigarette, bevor er sie auf den Boden warf und mit dem Schuh austrat. Inzwischen hatte Annas Vater angehalten und war ausgestiegen. „Jungs, ihr sollt hier nicht rumstehen, sondern eure Arbeit machen.“ „Schon erledigt, Chef!“, antwortete Thomas beflissen. Anna warf dem Mittzwanziger einen hasserfüllten Blick zu. Schon seine ganze Erscheinung, schlaksig, hellblondes Haar über einem blassen, spitzen Gesicht, reichte, um in ihr einen Brechreiz auszulösen. Seine kalten, hellblauen Fischaugen streiften sie kurz, sahen dann jedoch wieder zu ihrem Vater. „Thomas, du hilfst mir abladen. Jan, du hilfst meiner Tochter, ihre Sachen in ihr Zimmer zu bringen.“ Thomas warf einen Blick zu seinem Kollegen hinüber, der mit den Schultern zuckte und dann den Koffer von der Ladefläche nahm. Anna verkniff sich einen Kommentar zu der Bevormundung durch ihren Vater und ging Jan voran. Sie schloss die Tür auf und durchquerte mit zügigen Schritten den Flur, bis sie die Treppe erreichte, die zur ersten Etage hinaufführte, in der ihr Zimmer lag. „Danke“, sagte sie knapp und blieb abwartend vor der Treppe stehen, doch Jan trat mitsamt dem Koffer an ihr vorbei und ging die Treppe weiter nach oben. Anna folgte ihm. „Das hätte ich auch allein geschafft!“, giftete sie. Jan zuckte die Schultern und stellte ihr den Koffer vor die Füße. „Ich will nicht, dass dein Vater mich rausschmeißt, nur weil du dir mit dem Ding den Rücken gebrochen hast.“ Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, dann drehte er sich um und polterte die Treppenstufen wieder hinunter.

Frustriert und müde schleppte Anna den Koffer in ihr Zimmer und ließ sich auf ihr Bett fallen. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Der Gedanke, dass ihre beste Freundin sich jetzt grade an der italienischen Riviera vergnügte, ließ ihre Situation nicht gerade attraktiver erscheinen. Sie richtete sich wieder auf, zog ihren Koffer zum Bett und öffnete ihn. Sie hatte keine Steine eingepackt, aber genügend Bücher, um diese zwei Wochen zu überleben.

Stunden später, nachdem es draußen bereits dunkel geworden war, klopfte es an ihrer Tür. Es war ihr Vater. „Anna?“ Unsicher streckte er den Kopf durch die Tür. „Ich hab zur Feier des Tages Pizza bestellt. Die ist grad gekommen. Magst du mit runterkommen?“ Im ersten Moment war Anna versucht zu antworten, dass sie keinen Hunger hätte, doch dann knurrte ihr Magen laut und deutlich in die Stille. Widerwillig stand sie auf. „Ich komme.“

In der Küche lagen zwei Pappkartons auf dem Tisch, aus denen es verführerisch duftete. Der Rest der Küche war ein einziges Chaos. Überall lagen Rechnungen und Notizzettel wild durcheinander. In der Spüle stapelte sich das dreckige Geschirr. Ihr Vater hatte eindeutig keine neue Freundin. Zielstrebig ging Anna auf den Tisch zu und öffnete den ersten Karton. Sie war überrascht, dass ihr Vater immer noch wusste, dass Thunfisch ihre Lieblingspizza war. Sie setzte sich auf einen Stuhl, zog den Pizzakarton zu sich hinüber und begann zu essen. Annas Vater werkelte noch in einer der Schublade herum, dann setzte auch er sich. Die Distanz zwischen ihnen war fast greifbar. „Hast du schon etwas für deine Zeit hier geplant? Marie ist zu Hause, sie freut sich bestimmt, wenn du sie besuchst.“ Anna zuckte die Schultern und kaute weiter auf ihrer Pizza. Eigentlich hatte sie keine Lust, sich groß mit der Tochter des besten Freundes ihres Vaters zu beschäftigen. Marie kannte sowieso nur ein Thema und das waren Jungs und wer es grade mit wem trieb. Den Rest des Tages vertrieb sie sich meistens mit Talkshows und Vorabendserien. „Ich hab genug Bücher mit, damit es mir hier nicht langweilig wird“, antwortete Anna also. Ihr Vater musterte sie scharf. „Anna, du kannst doch nicht zwei Wochen nur in der Bude rumhocken!“ „Wollen wir wetten?“, schnauzte sie, der die Diskussion schon wieder auf die Nerven ging. Ihr Vater seufzte und widmete sich wieder seiner Pizza.